Wie aus Erfahrung Zuversicht werden kann
Wieso ist es heute wichtig, mutig zu sein? Wie kann sich dieser Mut äußern? Und was hat Mut mit Weihnachten zu tun? Für das forum sprach Bettina Schumann-Jung mit Margot Käßmann über gesellschaftliche und persönliche Herausforderungen, Kraftquellen und Vorbilder und darüber, wieso die ältere Generation den Jüngeren Zuversicht vermitteln kann.
Das Motto des diesjährigen Katholikentages lautete „Hab Mut, steh auf“, das des letztjährigen evangelischen Kirchentags „Mutig – stark – beherzt“. Und auch in Ihrem im vergangenen Jahr erschienenen Buch „Seid mutig und stark“ taucht der Mut im Titel auf. Warum gilt es gerade jetzt, mutig zu sein?
Ich denke, es braucht Mut, zuversichtlich zu sein. Und Mut zur Wertschätzung, zur Dankbarkeit, in unserem Land zu leben bei allen Problemen, die ich natürlich auch sehe. Wir sind ein freies Land, das wunderbar ist mit seinen verschiedenen Landschaften, mit seinen vielen Menschen. Das würde ich gerne weitergeben, denn ich habe den Eindruck, dass viele Menschen mit einem negativen Blick auf die Welt behaftet sind, und das tut mir leid.

Die evangelisch-lutherische Pfarrerin und promovierte Theologin wurde 1958 in Marburg an der Lahn geboren. Sie hatte verschiedene kirchliche Leitungsämter inne: Sie war Mitglied im Exekutivausschuss des Ökumenischen Rats der Kirchen, Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags, Präsidentin der Zentralstelle für Recht und Schutz der Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen, Landesbischöfin für die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers, Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und EKD-Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017. Seit 2018 ist Margot Käßmann im Ruhestand und widmet sich vor allem ihren sieben Enkelkindern sowie dem Schreiben von Büchern. Daneben hält sie Predigten, Vorträge und Lesungen.
Braucht es auch Mut, ins Handeln zu kommen angesichts vieler Krisen?
Es braucht Mut aufzubegehren, wenn ausländerfeindliche Parolen gang und gäbe werden, auch in der Politik. Die richten sich auch gegen Menschen, die seit Generationen hier leben. Wir müssen aufbegehren gegen diese Abwertung und dagegen, dass die AfD Menschen wieder nach Herkunft sortieren will. Ich möchte Menschen nicht nach Herkunft definieren, sondern nach Zukunft. Das heute zu sagen, braucht fast schon Mut. Und ich brauche manchmal Mut, wenn ich sage: Ich bin dagegen, dass wir ständig aufrüsten und Milliardenbeträge in Rüstung geben. Ich bin dafür in Kinder zu investieren.
Wie kann sich dieser Mut äußern?
Ich denke erstmal an Gespräche, die wir miteinander führen. Dass wir da nicht klein beigeben, sondern Haltung zeigen. Und ich finde es sehr respektabel, dass es inzwischen Organisationen gibt, die versuchen einzugreifen, wenn gepöbelt wird, wenn Rassismus, Antisemitismus im Netz propagiert werden. Wie früher am Stammtisch: Wenn einer gelästert hat und der andere dann erwidert: Jetzt ist mal gut, jetzt reicht es.
Das fängt also ganz klein im Alltag an.
Ja, wir sind nicht alle Politiker, aber wir leben in der Polis, und die Polis gehört uns allen.
„Ich finde immer richtig, wenn Menschen rausgehen, gerade auch wir Älteren. Wir haben ein großes Privileg, und das ist Zeit. Wir sind nicht mehr in die Rush Hour des Lebens eingebunden, wir haben die Zeit und ich finde, auch die Verpflichtung, uns zu engagieren, wenn wir körperlich dazu in der Lage sind.”
Wie kann Mut auch ansteckend wirken? Unsere Gesellschaft wirkt heute ja – Sie haben es eingangs gesagt – oft eher von Sorgen als von Zuversicht geprägt.
Ich finde immer richtig, wenn Menschen rausgehen, gerade auch wir Älteren. Wir haben ein großes Privileg, und das ist Zeit. Wir sind nicht mehr in die Rush Hour des Lebens eingebunden, wir haben die Zeit und ich finde, auch die Verpflichtung, uns zu engagieren, wenn wir körperlich dazu in der Lage sind. Dazu gibt es so viele Möglichkeiten. Wenn ich beispielsweise bei Tafeln zu Besuch bin, sehe ich fast immer Ältere, die sie am Laufen halten. Mut heißt auch: Ich engagiere mich für ein positives Bild. Es gibt auch immer wieder Einladungen hinauszugehen, zum Beispiel von Muslimen zum Fastenbrechen. Solche Einladungen kann man annehmen und als Begegnungsorte wahrnehmen. Das Schlimme ist ja, wenn Menschen sich nicht mehr begegnen, sondern alle sich zurückziehen in ihre Komfortzone.
Haltung zu zeigen, gelingt vermutlich leichter in der Gemeinschaft mit Gleichgesinnten, der Mut speist sich dann aus dem Wir. Aber manchmal muss man auch allein mutig sein. In welchen Lebenssituationen mussten Sie selbst Mut beweisen?
Das zieht sich gewissermaßen durch meine ganze Biografie... Ich nehme mal drei Beispiele: Das eine war 1999, als ich gefragt wurde, ob ich mich zur Wahl stelle zur Landesbischöfin in Hannover. Ich war gerade 40, kam nicht aus Hannover, und es gab viel Gegenwind: Den einen war ich nicht intellektuell genug, den anderen nicht lutherisch genug, wieder anderen zu jung oder zu feministisch. Beide meiner Vorgänger haben die Synode gebeten, mich nicht zu wählen. Es gab auch viele Leute, die mich sehr mochten, das waren gerade die – ich sag mal, normalen Leute. Aber bei der großen öffentlichen Kritik zu sagen: Doch ich stelle mich zur Wahl, das war schon ein großer Schritt. Ich hatte nicht geglaubt, dass ich gewählt werde, aber ich wollte zeigen, dass eine Frau das machen kann. Das zweite: Als ich zur Landesbischöfin gewählt wurde, durfte niemand im Pfarramt offen sagen, dass er schwul oder sie lesbisch ist, sonst wären sie sofort des Dienstes enthoben worden. Es gab auch zwei eklatante Fälle. Ich habe dann Schritt für Schritt einen Prozess in Gang gesetzt – zum Beispiel keine Disziplinarverfahren mehr erhoben – in der Überzeugung, dass Homosexualität in der Vielfalt der Schöpfung Gottes einfach vorkommt. Das hat mich elf Jahre beschäftigt und war ein zäher Kampf gegen viel Widerstand. Es wurde gesagt: Das ist gegen das Evangelium, ich mache die Kirche kaputt, das ist Verrat an der Tradition. Aber am Ende des Prozesses ist es heute so, dass Pfarrerinnen und Pfarrer ihre gleichgeschlechtlichen Partner*innen heiraten können und wir in der evangelischen Kirche in Deutschland lesbische und schwule Paare trauen. Das letzte ist mein Rücktritt 2010. Das war eine Entscheidung, die musste ich ganz allein fällen und habe das auch sehr schnell getan. Vor die Presse zu treten, brauchte auch Mut, aber meine Entscheidung war ganz klar. Ich habe damals einen Satz aus der Bibel zitiert: „Folge dem, was dein Herz dir rät. Du kannst keinen treueren Ratgeber finden.“
Woraus konnten Sie bei diesen Schritten Kraft schöpfen?
Für mich ist das immer auch der christliche Glaube. Das Christentum ist keine Religion, die sagt, alles ist gut, sondern in den biblischen Geschichten ist ganz viel nicht gut. Hagar etwa, eine Sklavin, die vergewaltigt und später mit ihrem Sohn in die Wüste geschickt wird und es trotzdem schafft, da durchzukommen. Oder 40 Jahre Wüstenwanderung, und dann kommt doch das gelobte Land. Oder denken wir an Jesus, nach dessen Tod alles zu Ende scheint. Aber dann kommt eine Geistkraft, die Mut gibt zu sagen: Doch, das ist der richtige Weg, den wir gehen. Und auch Menschen machen mir Mut, meine Familie, meine Enkelkinder. Wenn ich die sehe, denke ich: Wenn ich jetzt nicht den Mut habe, für Frieden einzutreten oder für Maßnahmen gegen den Klimawandel, wer denn dann? Ich bin doch verantwortlich, damit unsere Kinder hier in Zukunft noch leben können. Auch Kinder machen Mut.
Gibt es auch Menschen, die für Sie Vorbilder sind?
Ein Vorbild war für mich immer Martin Luther King, ohne ihn hätte ich wahrscheinlich gar nicht Theologie studiert. Ich habe das erste Mal als Austauschschülerin in den USA 1974/75 von ihm gehört, und dort auch den Rassismus gegen schwarze Mitstipendiaten erlebt. Martin Luther King war damals schon einige Jahre tot, aber ich habe Aufnahmebänder von ihm in der Schule gehört, und das hat mich unfassbar beeindruckt: So fromm und gleichzeitig so politisch zu sein, mutig ohne Gewalt auf gewaltbereite Menschen zuzugehen, das hat auch meinen Pazifismus mitbegründet. Und wie er gepredigt hat, das war mitreißend. Ein zweites großes Vorbild war meine Großmutter, die im Ersten und Zweiten Weltkrieg Schreckliches erlebt hat: Hunger, Kälte, Gewalt, der Mann verschleppt nach Sibirien, den Verlust von allem und dann die Flucht zu Fuß von Pommern nach Hessen mit ihrer Tochter und deren drei kleinen Kindern. Sie hatten nichts mehr. Und diese Großmutter hat in der Küche, wenn sie für uns gekocht hat, gesungen: „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ und „Befiehl du deine Wege“. Das hat mich schon geprägt als Kind, diese Haltung: Du kannst alles verlieren, aber du kannst auch immer wieder neu anfangen.
Kommt der Mut eher aus dem Herzen oder aus dem Verstand?
Aus dem Herzen, ganz klar. Es ist sicher auch eine gewisse genetische Prägung. Und Erziehung: Unsere Mutter, sie war Jahrgang 1922, hat uns immer gesagt: Mädels, eine Frau kann alles erreichen. Und wenn wir Angst hatten vor jemandem: Stell sie dir alle in Unterhosen vor, dann sehen alle gleich aus
Ein Begriff, der eng mit Mut zusammenhängt, vielleicht seine Voraussetzung ist, ist die Zuversicht. In einem Interview mit der Körber-Stiftung sagten Sie: „Wir Älteren sollten Zuversicht vermitteln.“ Können Sie das noch einmal erläutern?
Unsere Generation, die jetzt alt wird, die sogenannten Babyboomer – nie wurden so viele Kinder geboren wie zwischen 1956 und 1966 in Deutschland. Übrigens: Jetzt werden wieder so wenig geboren wie kurz nach dem Zweiten Weltkrieg... Also wir haben doch eine wirklich gute Zeit erleben dürfen im Frieden, in guter sozialer Absicherung. Wenn heute die Jugend Zukunftsängste hat, was KI und Krieg und Klimakatastrophe betrifft, da müssen wir doch diejenigen sein, die sagen: Ihr werdet mit euren Problemen umgehen lernen, ihr werdet sie angehen. Auch Kriege enden einmal, irgendwann sind die Leute erschöpft und fangen an zu verhandeln, und deshalb müssen wir eigentlich zusehen, dass es überhaupt keine Kriege mehr gibt. Im 2. Timotheus steht „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ Diesen Geist, diese Resilienz sollten wir unseren Kindern und Enkelkindern mitgeben. Natürlich gibt es Probleme, das ist doch normal. Keiner von uns Älteren hatte ein glattes Leben ohne Wüstenzeiten, ohne Berge, die erklommen werden mussten, ohne Abgründe. Und doch waren in meinem Leben eigentlich die schwierigsten Phasen die intensivsten. Am Ende sind es die Krisen, die uns prägen, die uns herausfordern, die uns Kräfte entfalten lassen. Das möchte ich meinen Enkelkindern gerne mitgeben: Ihr findet die Kraft dann schon.
„Das die Weihnachts-Botschaft: Selbst durch die schwierigste Lebenssituation kann die Liebe dich tragen.”
Ein weiterer verwandter Begriff ist die Hoffnung. Nun feiern wir in zwei Wochen Weihnachten, die Geburt Christi, die ja ein starkes Zeichen der Hoffnung ist – inwieweit können wir aus ihr auch Mut schöpfen?
Mir fällt bei der Weihnachtsgeschichte immer auf, dass sie bei uns so verkitscht wird. Aber wenn wir die Geschichte bei Lukas oder auch Matthäus nachlesen, dann ist es doch ganz anders: Maria und Josef sind unterwegs. Sie hat ihre Mutter nicht dabei und muss ihr Kind in einem Stall zur Welt bringen, was sich wahrhaftig keine Frau wünscht. Dann kommen noch Hirten vorbei. Und, nach Matthäus, müssen sie alsbald fliehen nach Ägypten. Das ist eine extrem schwierige Situation. Was die beiden trägt, das ist die Liebe. Das die Weihnachts-Botschaft: Selbst durch die schwierigste Lebenssituation kann die Liebe dich tragen. Diese Liebe zieht sich durch das ganze Leben von Jesus bis zu seiner Auferstehung, die auch wieder eine Liebeserfahrung ist. Menschen, die wir sehr geliebt haben und die gestorben sind, werden in der Liebe wieder lebendig. Die Liebe ist der rote Faden durch die ganze Weihnachtsgeschichte, und da müssen Menschen auch mal ein bisschen entspannter sein und Weihnachten nicht als perfektes Fest feiern, sondern so, dass es allen gut geht dabei. Klar, dazu braucht es viel Liebe – und auch eine gute Portion Humor.


