Seiltanz ohne Netz

Klemens Mosmann war mehr als drei Jahrzehnte als Journalist für das ZDF tätig: Er war Studioleiter verschiedener Landesstudios, hat den Länderspiegel geleitet und zuletzt die ZDF-Talkshow „Berlin Mitte“ mit Maybritt Illner. Dabei war immer wieder auch Mut gefragt: von der ersten Live-Ansage bis hin zur Berichterstattung aus politisch instabilen Regionen.

Von Klemens Mosmann

Mut ist mir im Laufe meines Berufslebens in vielen Facetten begegnet, und schon der Entschluss, Journalismus zum Beruf zu wählen, war mit Mut verbunden. Mein Vater hätte lieber eine sichere Beamtenlaufbahn gesehen, aber ich habe mich schon während meines Studiums der Geschichte und Politikwissenschaften für Journalismus und speziell fürs Fernsehen interessiert und damals bereits in Redaktionen der Aktualität hospitiert.

Hier stand ich auch das erste Mal live vor der Kamera: Es ging um einen etwa 3-minütigen Beitrag mit Einspielfilm zu einem Thema aus Afrika, ganz ohne Teleprompter, den es damals, Anfang der 1970er Jahre, noch nicht gab. Da war der Puls schon ordentlich hoch, wie bei einem Seiltanz ohne Netz. Bei der ersten kompletten Sendung, die ich moderiert habe, hatte ich dagegen gar keine Zeit, mir Gedanken zu machen: Der Hauptmoderator war kurz zuvor ausgefallen, und ich musste innerhalb von zwei Stunden meine ganze Moderation vorbereiten. Geholfen hat mir bei Live-Schaltungen die Vorstellung, meine Worte an einen lieben Menschen zu richten, oder sich eine Bezugsperson zu denken, denn im Studio war man bis auf einen Kameramann meistens allein.

In den folgenden Jahren wechselte ich in verschiedene Landesstudios des ZDF und habe über viele Jahre auch den Länderspiegel geleitet. Gerade in meiner Zeit als Studioleiter in Erfurt Anfang der Neunzigerjahre lernte ich eine besondere Art von Mut kennen: den Mut vieler ehemaliger DDR-Bürger nach der ersten Euphorie mit den nicht immer einfachen Gegebenheiten der Wiedervereinigung umzugehen. Kritische Situationen gab es, wenn ich zwischendurch als Reporter in Krisengebieten unterwegs war, etwa, als wir Ende der 70er Jahre in Belfast auf einer gewalttätigen Demonstration waren, auf der auch geschossen wurde. Oder bei einer Berichterstattung während der Solidarnosc-Zeit in Warschau, als wir vom Geheimdienst verfolgt und ich kurzzeitig in Gewahrsam genommen wurde – durch meinen Status als Journalist ließ man mich glücklicherweise nach wenigen Stunden frei.

Klemens Mosmann während seiner Zeit als Moderator des Länderspiegels

In der Begegnung mit den vielen Menschen, mit denen ich in diesen Jahren zu tun hatte, spielten auch manche Nebenarten von Mut wie Hochmut oder Demut eine Rolle. Meine Neugier auf Menschen ist es aber auch, die mich in meinem Beruf immer angetrieben hat, und die es mir noch heute leicht macht, auf Unbekannte zuzugehen.

Auch nach so vielen Erfahrungen mit Mut, fehlt dieser mir heute noch in zwei Situationen: Die erste ist der Besuch beim Zahnarzt, der mir – nach einem Kindheitstrauma – so große Angst bereitet, dass die Schmerzen kurz vor dem Termin scheinbar verschwunden sind und ich ernsthaft überlege, den Termin zu verschieben. Das zweite ist meine Höhenangst, die mich selbst bei leichten Wanderungen oder beim Gang auf einer (breiten) Stadtmauer überkommt, so dass ich schon ganze Touristenströme aufgehalten habe. In manchen Situationen wird der damit verbundene Mut aber inzwischen abgelöst durch die Vernunft, dass man manche Dinge auch lassen kann. Und mich beschäftigt die Frage, wie ich mich in einer kritischen Situation verhalten würde, wenn zum Beispiel Menschen in der S-Bahn bedroht werden, ob ich dann den Mut zur Zivilcourage aufbringen könnte.

Aktuelles Porträt von Klemens Mosmann

Gemeinsam mit seiner Frau lebt Klemens Mosmann seit zweieinhalb Jahren im Augustinum Aumühle. Hier nahm er im März dieses Jahres auch an einem generationenübergreifenden Vormittag mit Kindern einer benachbarten Grundschule zum Thema „Mut“ teil und fand viele alte und junge Leidensgenoss*innen, die etwa seine Angst vor dem Zahnarzt teilten.