Gute Laune macht mutiger

Mut gilt als Tugend. Doch was steckt eigentlich dahinter? Warum stürzen sich manche Menschen begeistert ins Abenteuer, während andere Risiken lieber aus dem Weg gehen? Und werden wir mit zunehmender Lebenserfahrung mutiger oder vorsichtiger? Im Gespräch erklärt Verhaltensforscher Prof. Dr. Thorsten Pachur, warum Mut aus wissenschaftlicher Sicht vor allem mit Risikobereitschaft zu tun hat, weshalb Angst zum Mut dazugehört und welche Rolle eine positive emotionale Grundstimmung spielt.

Interview von Solveig Michelsen

Herr Pachur, lassen Sie uns über Mut reden.

In der Verhaltenswissenschaft sprechen wir eigentlich nicht von Mut, sondern vielmehr von einer Eigenschaft, die große Deckungsgleichheit damit aufweist, nämlich Risikobereitschaft. Das wirft natürlich gleich die nächste Frage auf: Was ist Risiko? Dafür gibt es zum Glück eine sehr klare Definition: 1. Die Konsequenzen sind nicht sicher einzuschätzen und 2. man hat etwas zu verlieren. Als Beispiel: Wenn ich aus einer schwarzen Flasche trinke, habe ich keine Ahnung, was mich erwartet. Vielleicht verliere ich dabei auch meine Gesundheit. Aber die Möglichkeit einer positiven Konsequenz ist gleichzeitig auch noch vorhanden. Außerdem wird Risikobereitschaft eher aus einer Außenperspektive bestimmt: Wenn ich am Berg eine leichte Route klettere und viel Erfahrung damit habe, gehe ich für mich gesehen kein besonderes Risiko ein. Für Außenstehende mag dieselbe Aktion aber sehr mutig erscheinen.

Wo begegnet uns Risikobereitschaft im Alltag überhaupt?

Sie wird häufig in fünf Domänen eingeteilt: Freizeit, Gesundheit, Soziales, Ethisches und Finanzielles. Die Fragen dazu lauten also in etwa: Traue ich mich zum Bungee-Jumping? Trinke ich regelmäßig über den Durst oder nehme Drogen? Wage ich es, vor einer großen Menschenmenge zu singen? Gehe ich das Risiko ein, gegen Regeln zu verstoßen? Oder investiere ich mein Geld in Aktien? Interessant dabei ist, dass Risikobereitschaft oft domänenspezifisch ist. Jemand, der an der Börse große Risiken eingeht, muss deshalb nicht gleichzeitig körperliche Risiken mögen. Und umgekehrt sind manche Menschen ausgesprochen abenteuerlustig, wenn es um Sport oder Reisen geht, dafür äußerst vorsichtig bei finanziellen Entscheidungen.

„Deshalb ist Mut nicht die Abwesenheit von Angst, sondern der Umgang mit ihr.”

Porträt Thorsten Pachur, schwarzweiß

Als Professor für Methoden der Verhaltensforschung an der TU München forscht Thorsten Pachur unter anderem zu den Themen Entscheiden und Urteilen unter Ungewissheit und Risiko, die Rolle von Intuition sowie die Entwicklung von Entscheidungsprozessen über die Lebensspanne.

Gibt es Menschen, die von ihrer Persönlichkeit her grundsätzlich mutiger sind als andere?

Ja, das kann man so sagen. In der Persönlichkeitspsychologie wird eine Eigenschaft untersucht, die mit Risikobereitschaft eng zusammenhängt, und das ist die „Offenheit für neue Erfahrungen". Menschen mit hohen Werten in dieser Dimension suchen häufiger neue Eindrücke, sind neugierig und bereit, ungewohnte Wege zu gehen. Vereinfacht gesagt steckt dahinter oft die Haltung: „Ich würde gerne mehr vom Leben haben."

Wie genau entsteht dieser Mut, diese Risikobereitschaft?

Zunächst einmal beobachten wir beim Menschen, aber auch über das komplette Tierreich hinweg eine deutliche Risikoaversion. Das ist evolutionär durchaus sinnvoll, denn vorsichtiges Verhalten schützt vor Gefahren. Beim Menschen kommt allerdings noch etwas hinzu: Wir können Risiken bewusst reflektieren und ihre möglichen Folgen gegeneinander abwägen, uns anschließend auch über unsere intuitive Risikoaversion hinwegsetzen. Eine Katze wird vor einer Handlung keine Kosten-Nutzen-Kalkulation durchführen. Eine wichtige Rolle spielen dabei auch Erfahrungen. Wer wiederholt erlebt, dass eine herausfordernde Situation gut ausgeht, baut Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten auf und wir erhalten ein besseres Verständnis der damit verbundenen Risiken. Gleichzeitig lernen wir aber nicht nur durch eigene Erfahrungen. Auch das soziale Beobachten anderer Menschen beeinflusst uns stark. Wenn wir sehen, wie andere mit Risiken umgehen, verändert das ebenfalls unsere Einschätzung. Unsere Bereitschaft, Risiken einzugehen, Mut zu haben, kann demnach modifiziert werden.

Lässt sich Risikobereitschaft also gezielt trainieren?

Zumindest bis zu einem gewissen Grad. Dabei muss man unterscheiden zwischen Risiken, die uns zufällig begegnen, und solchen, denen wir uns bewusst stellen. Besonders gut lernen wir in risikoreichen Situationen, die wir gezielt aufsuchen und schrittweise steigern können. Dieses Prinzip wird auch in der Psychotherapie verwendet. Dort arbeitet man bei Angststörungen häufig mit sogenannten Expositionsverfahren. Menschen werden portionsweise und unter professioneller Anleitung mit Situationen konfrontiert, die ihnen Angst machen. Wichtig ist dabei die richtige Dosierung: Die Herausforderung muss groß genug sein, um einen Lerneffekt auszulösen, darf aber nicht überfordern. Ähnlich läuft es auch im Alltag. Wer seine Komfortzone immer wieder ein wenig erweitert, kann lernen, mit Unsicherheit besser umzugehen. Gleichzeitig zeigen Studien sehr deutlich, dass Menschen Unterschiede in ihrer grundsätzlichen Risikoneigung aufweisen. Es gibt also einerseits eine gewisse Formbarkeit, aber auch Grenzen dieser Formbarkeit durch die individuellen Grundtendenzen.

Kann ich damit Ängsten ein Schnippchen schlagen, sie vielleicht sogar besiegen?

Nicht im eigentlichen Sinn. Denn die erste körperliche Reaktion auf Unsicherheit oder eine potenzielle Gefahr ist immer eine gewisse Angst oder zumindest ein mulmiges Gefühl. Das ist ein sinnvoller Schutzmechanismus, der uns hilft, Risiken überhaupt wahrzunehmen. Beim Umgang mit Risiken spielt vor allem die Amygdala eine Rolle, die als eine Art Frühwarnsystem des Gehirns potenzielle Bedrohungen erkennt und den Körper in Alarmbereitschaft versetzt. Diese Reaktion lässt sich sehr gut messen, etwa über den Hautleitwiderstand. Unter Stress beginnen Menschen stärker zu schwitzen, wodurch sich die elektrische Leitfähigkeit der Haut verändert. Solche physiologischen Reaktionen beobachten wir selbst dann, wenn jemand am Ende eine mutige Entscheidung trifft. Deshalb ist Mut nicht die Abwesenheit von Angst, sondern der Umgang mit ihr. Mutige Menschen weisen oft ähnliche körperliche Stressreaktionen auf wie andere auch. Der Unterschied besteht darin, dass sie sich von dieser ersten Reaktion nicht automatisch leiten lassen, sondern die Situation bewusst bewerten und sich gegebenenfalls trotzdem für das Handeln entscheiden.

Okay, und abgesehen von der eigenen Entschlossenheit: Was prägt unseren Umgang mit Risiken noch?

Zum einen können historische Erfahrungen eine prägende Rolle spielen. Es gibt beispielsweise Studien, die zeigen, dass sich die durchschnittliche Risikobereitschaft zwischen verschiedenen Generationen unterscheidet und dass dies teilweise durch historische Ereignisse wie Wirtschaftskrisen, Kriege oder große gesellschaftliche Umbrüche erklärt werden kann. Auch die Lebensumstände beeinflussen den Umgang mit Risiken. In sehr armen Ländern beobachten wir häufig eine höhere Risikobereitschaft. Das klingt zunächst überraschend, ergibt aber Sinn: Wer nur wenig zu verlieren hat oder sich durch riskantere Entscheidungen deutliche Verbesserungen seiner Situation erhofft, geht eher Risiken ein. Wohlstand wiederum macht ängstlich.

Grafik noch in Arbeit

Daneben gibt es noch einen sehr robusten Befund: Im Durchschnitt schätzen sich Frauen weniger risikobereit ein als Männer. Die Variabilität innerhalb der jeweiligen Geschlechter sind allerdings deutlich größer als der durchschnittliche Unterschied zwischen Männern und Frauen.

Wenn Erfahrungen so wichtig sind: Wird man mit fortschreitendem Alter dann eher risikobereiter?

Jetzt wird es spannend, denn hierzu sind wir über vermeintlich widersprüchliche Befunde gestolpert. Ab etwa 50 bis 60 Jahren schätzen sich viele Menschen selbst als weniger risikobereit ein. Gleichzeitig haben wir Untersuchungen durchgeführt, die genau das Gegenteil nahelegten. Die Frage war also: Was ist hier los? Schlussendlich haben wir Hinweise darauf gefunden, dass der Unterschied vor allem mit dem jeweiligen Entscheidungskontext zusammenhängt. Wenn Menschen zwischen einer sicheren Passivität und einem risikobehafteten Handeln wählen können, entscheiden sich ältere Personen häufiger für die sichere Variante. Müssen sie jedoch zwischen einem hohen und einem sehr hohen Risiko wählen, zeigen sie sich teilweise sogar risikobereiter als jüngere Menschen. Ein möglicher Hintergrund ist, dass die Vermeidung von Komplexität im Alter eine geringere Rolle spielt. Komplexe Entscheidungsoptionen, in denen viele Faktoren gegeneinander abgewogen werden müssen und die Folgen nur begrenzt vorhersehbar sind, schrecken ältere Menschen weniger ab. Ausschlaggebend ist hier also eher die Komplexität als das Risiko. Zum anderen beobachten wir bei älteren Menschen häufig eine positivere emotionale Grundstimmung. Und wir wissen: Menschen treffen in positiver Stimmung tendenziell risikoreichere Entscheidungen.

Salopp könnte man also sagen: Gute Laune macht mutiger.

Ja, das sind zwar nicht automatisch die besseren Entscheidungen, aber eben die mutigeren.